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(24.08.2010, 13.31 Uhr)

 

Schwede sucht in Ruppendorf Familiengeschichte

Susanne Hoffmann (79) und Manfred Hähnig (75) unterhalten sich mit Prof. Ernst Wilhelm-Billgren (2.v.r.) aus Stockholm. Links Dolmetscherin Ines Rößner.	(Foto: Prof. Dr. Adolf Heger)
Susanne Hoffmann (79) und Manfred Hähnig (75) unterhalten sich mit Prof. Ernst Wilhelm-Billgren (2.v.r.) aus Stockholm. Links Dolmetscherin Ines Rößner. (Foto: Prof. Dr. Adolf Heger)

Das schwedische Fernsehen drehte Filmszenen einer Familienchronik im Osterzgebirge.

Von Adolf Heger
Veröffentlichung in der Sächsischen Zeitung, Lokalausgabe Dippoldiswalde, vom 23. Juni, Seite 19

Im schwedischen Fernsehen erfreut sich eine Serie von Familiengeschichten unter dem Titel „Wer glaubst Du, dass Du bist?” großer Beliebtheit. Am vergangenen Wochenende wurde dafür in Ruppendorf der Teil einer Familienchronik gedreht, der in die Zeit des Zweiten Weltkrieges fällt. Es ist ein Stück Familiengeschichte des schwedischen Professors Ernst Wilhelm Billgren.

Seine Mutter, Wilhelmine Kröckert, Jahrgang 1936, lebte mit ihrer Familie in Freepsum nahe der Stadt Emden in Ostfriesland. Da die Stadt und deren Umgebung Anfang der 1940er Jahre Hauptangriffsziel der Luftangriffe durch die Engländer waren, wurden sehr viele Familien, vor allem mit kleinen Kindern, im Osten Deutschlands angesiedelt. So kam Billgrens Mutter mit ihrer Familie nach Ruppendorf. Sie hatte noch eine jüngere Schwester, eine weitere wurde im Mai 1942 geboren. Die Familie wurde in der Mühle und Bäckerei von Ernst Flathe untergebracht. Seinerzeit trug das Haus die OrtslistenNummer 28, es liegt am Ende des Mühlgrabens und trägt heute die Hausnummer 45. Wilhelmine kam in Ruppendorf in die Schule. Ihre Familie erlebte auch in der neuen Heimat die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges. Unvergesslich ist allen der Anblick des nächtlichen Himmels bei den Bombenangriffen auf Dresden geblieben.

Noch heute leben Zeitzeugen in Ruppendorf. Susanne Hoffmann, Jahrgang 1931, war damals Nachbarin der Familie aus Ostfriesland. Ihr Vater arbeitete in Dresden bei Radio-Mende, und sie erinnerte sich daran, wie sie gemeinsam mit Wilhelmine die Angriffe auf Dresden verfolgte und Angst um ihren Vater hatte. Lebensmittel gab es damals auf Lebensmittelmarken, selbst Süßigkeiten erhielt man nur auf diese Weise. Makkaroni und Eierkuchen waren für die Kinder schon ein Festessen. Gemeinsam freute man sich über Kuchenränder, die man von den Bäckern Straube und Kästner bekam. Als Kaffee trank man natürlich Muckefuck.

Wilma mit dem blonden Haar

In der Schule gehörten Heimatkunde und Erdkunde zu den Hauptfächern, an Sport war nicht zu denken. Einen Schulgarten gab es nicht. In der damaligen Schule, der jetzigen Drogerie Schlecker, befanden sich vier Klassenzimmer. In eines davon ging auch Wilma, wie Wilhelmine von den Zeitzeugen noch heute liebevoll genannt wird. Im oberen Stockwerk lagen die Wohnungen der Lehrer.

Auch Manfred Hähnig, Jahrgang 1935, vom Mühlgraben 36, ein damaliger Nachbar der Familie, kann sich an „Wilma mit den wunderbaren blonden Haaren” noch genau erinnern. Lange Zeit hatten sie den gleichen Weg zur Schule. Im Juni 1945 kehrte die Mutter mit ihren drei Töchtern nach Ostfriesland zurück. Interessant für die Zeitzeugen aus Ruppendorf war, dass sie nun erfuhren, was aus Wilhelmine geworden ist, nachdem sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern nach Kriegsende zurück in ihren Heimatort ging.

Wilhelmine Kröckert, verheiratete Billgren, brachte 1958 in Stockholm ihren Sohn Ernst Wilhelm zur Welt. Er besuchte die Kunsthochschule in Göteborg und gehört heute zu den bekanntesten Künstlern und Kunstwissenschaftlern Schwedens. Seine Werke hat er u. a. bereits in Stockholm, Paris, Oslo, Rio de Janeiro, London und Sevilla ausgestellt. Nun war er das erste Mal an dem Ort, an dem seine Mutter einige Jahre gelebt hatte. Es war -..eine Reise in die Vergangenheit meiner Mutter und Großeltern und voll mit Überraschungen", sagte der Professor, der Ruppendorf bisher nur aus Berichten seiner Mutter kannte.
Jetzt kehrt er mit vielen Eindrücken nach Hause zurück und ist vielen Ruppendorfern dankbar, die seinen Aufenthalt vorbereiten halfen und ihm einen Einblick in den zeitweiligen Wohnort seiner Mutter gewährten. Das Treffen mit Zeitzeugen sei für ihn ein einmaliges Erlebnis gewesen, sagte Billgren.

siehe auch Dippser StattZeitung

( 23.06.2010, 11.28 Uhr)
Link zu dieser Information: http://www.weisseritzkreis.net/archiv/?dbid=9124



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